Ohne Migration keine Sorge(n)!? Plädoyer für eine solidarische Care-Gesellschaft
Ein Beitrag von Julia Maisenbacher und Sarah Schilliger
Sarah Schilliger (links) und Julia Maisenbacher (rechts). Bilder: Elia Aiano.
«Ohne Migration keine Sorge(n)!? Plädoyer für eine solidarische Care-Gesellschaft» ist eine Kritik der SVP-Initiative zur 10-Millionen-Schweiz aus feministischer Perspektive. Für ein linkes und feministisches Gegen-Narrativ: Mit gerechten Arbeitsbedingungen, der gesellschaftlichen Bedeutung von Sogearbeit und inklusiver Solidarität im Zentrum.
Die drohende Verschärfung des Personalmangels in Spitälern, der Langzeitpflege und häuslichen Betreuung ist nur der sichtbarste Teil des Problems. Die SVP-Initiative verschärft darüber hinaus das hochselektive Schweizer Migrationsregime. Und zwar nach ökonomischen Verwertbarkeitskriterien. Das erhöht die Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte und wälzt die Sorge-Krise auf vulnerable Gruppen ab.
Statt Ursachen anzugehen – wie prekäre Arbeitsbedingungen, Unterfinanzierung von Pflege und Sorge-Infrastrukturen, fehlende Anerkennung von unbezahlter Sorgearbeit oder Mangel an bezahlbarem Wohnraum –, werden migrantische Menschen als Sündenböcke inszeniert und soziale Probleme als «importiert» dargestellt.
Gegner:innen der Initiative bieten häufig keinen echten Kontrapunkt zu den rechten und rassistischen Narrativen der SVP. Denn wenn die Legitimation der Zuwanderung fast ausschliesslich mit deren Nützlichkeit für die Schweiz begründet wird («Seht her, wie wichtig diese Migrant:innen für uns sind!»), werden migrantische Menschen auf ihre ökonomische Funktion reduziert. Und dies verfestigt letztlich rassistische Logiken.
Um die SVP-Initiative zu bekämpfen, braucht es deshalb ein linkes und feministisches Gegen-Narrativ. Ins Zentrum gehören gerechte Arbeitsbedingungen, die gesellschaftliche Bedeutung der Sogearbeit und inklusive Solidarität: Die konkreten Alltagsrealitäten und die Bedürfnisse aller Arbeitnehmer:innen – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – sind die Basis für eine kollektive Mobilisierung im Kampf um bessere Bedingungen. Denn statt Sorgearbeit als billiges Importgut zu betrachten, braucht es verbindliche Arbeitsrechte sowie gute Löhne und Arbeitsbedingungen.
Ein zukunftsfähiges Gesundheits- und Gesellschaftsmodell muss in einer alternden, pluralen Gesellschaft materielle Gleichberechtigung, die Aufwertung von (un- und unterbezahlter) Sorgearbeit und das Recht auf Migration miteinander verknüpfen.
Der Beitrag «Ohne Migration keine Sorge(n)!? Plädoyer für eine solidarische Care-Gesellschaft» von Julia Maisenbacher und Sarah Schilliger ist im Sammelband «Migrationsland Schweiz. Mythen, Realitäten und Perspektiven.» erschienen. Die beiden formulieren ihre Kritik der SVP-Initiative zur 10-Millionen-Schweiz aus einer feministischen Perspektive. Nachzulesen auf Seite 185.
Julia Maisenbacher & Sarah Schilliger: Ohne Migration keine Sorge(n)!? Plädoyer für eine solidarische Care-Gesellschaft. In: Sanija Ameti, Lisa Mazzone, Nadja Mosimann, Cédric Wermuth, Pascal Zwicky (Hg.): Migrationsland Schweiz – Mythen, Realitäten und Perspektiven. Ein Sammelband gegen die «Keine 10-Millionen-Schweiz!»-Initiative der SVP. edition 8, Zürich.
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Die wahren Superheldinnen des Alltags sind die Mütter – damals wie heute jonglieren sie Erwartungen, Bedürfnisse und Aufgaben. Chantal Herger zeigt in ihrem Beitrag, wie sich ihr Alltag gewandelt hat und wie drei Generationen die Mutterschaft erleben. Und Simona Isler sorgt für die Fakten aus historischer und feministisch-ökonomischer Perspektive. Eins ist dabei klar: Grundlegende Veränderungen sind überfällig.



