Feministische Ökonomie

Im Zentrum der feministischen Ökonomie steht nicht Wachstum. Sondern die Frage, wie eine Gesellschaft bereitstellt, was Menschen zum Leben brauchen. Also alle Arbeit, die das Leben sichert – insbesondere Sorgearbeit wie Bildung, Gesundheit, Ernährung und Betreuung. Denn Sorgearbeit trägt unsere Gesellschaft. Sie schafft Wohlstand und soziale Sicherheit. Und Sorgearbeit ist grüne Arbeit. Sie ist die Grundlage für eine nachhaltige Wirtschaftsweise.

Arbeit ist nicht gleich Arbeit

Die Wirtschaftsleistung eines Landes wird hauptsächlich am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Es gilt als zentraler Massstab: Wächst das BIP, ist die Wirtschaft gesund.

Doch das BIP misst ausschliesslich Geldflüsse. So gilt die gleiche Tätigkeit einmal als produktiv, wenn sie bezahlt ist – und einmal als unproduktiv, wenn sie unbezahlt bleibt. Das heisst, wer in einem Unternehmen als Reinigungskraft putzt, ist Teil der Volkswirtschaft. Wer hingegen unbezahlt zu Hause putzt, trägt nichts zur Volkswirtschaft bei – so die Annahme.

Wachstumszwang

Die Wirtschaft wächst nur, wenn Geld fliesst. Wohin das Geld fliesst, ist völlig egal. Die neuseeländische Politikerin und Feministin Marilyn Waring fand ein eindrückliches Bild für diesen Irrsinn: Ein Öltanker, der Öl von einem Ort zum anderen transportiert, ist ein moderat produktiver Öltanker. Wenn man jetzt aber ein möglichst grosses Wirtschaftswachstum erzielen möchte, dann wäre es eine gute Idee, diesen Öltanker auf Grund laufen zu lassen. Jetzt fliessen Versicherungskosten, ein neuer Tanker muss her, zivilrechtliche und strafrechtliche Verfahren werden eingeleitet, Aufräumarbeiten durchgeführt, Kompensationen für Fischfang und Tourismus bezahlt, vielleicht wird sogar ein Film über das Unglück gedreht, mit Sicherheit werden Medien berichten, und grüne NGOs dürften schlagartig einen Zustrom erfahren. Das alles ist gut für das Wachstum der Volkswirtschaft.

Unabhängig davon, ob es gesellschaftlich sinnvoll ist oder nicht: Wachstum ist für eine kapitalistische Volkswirtschaft absolut zentral. Diese Logik macht uns blind für alles, was nichts mit Geld und Profit zu tun hat. Für unbezahlte Arbeit genauso wie für ökologische und soziale Schäden.

Perspektivenwechsel feministische Ökonomie

In herkömmlichen Wirtschaftstheorien spielen soziale und ökologische Nachhaltigkeit keine Rolle. Und das ist leider kein rein theoretisches Problem. Denn die herkömmlichen Perspektiven auf Wirtschaft stecken auch den Rahmen für unseren politischen Diskurs. Und für unser politisches Vorstellungsvermögen. Eine fehlgeleitete Wirtschaftstheorie ist also keine harmlose Angelegenheit. Sie steht einer richtigen Analyse der aktuellen Krisen im Weg. Und auf dieser Grundlage ist ein Umbau in eine sozial und ökologisch nachhaltige Gesellschaft nicht möglich.

Aus diesem Grund brauchen wir die feministische Ökonomie. Sie nimmt einen Perspektivenwechsel vor. Im Zentrum steht nicht Wachstum. Sondern die Frage, wie eine Gesellschaft bereitstellt, was Menschen zum Leben brauchen. Und damit: alle Arbeit, die das Leben sichert – insbesondere Sorgearbeit wie Bildung, Gesundheit, Ernährung und Betreuung. Um mit der politischen Philosophin und Aktivistin Silvia Federici zu sprechen: Hausarbeit und Sorgearbeit bilden den «Ausgangspunkt» jeder Ökonomie. Den Ausgangspunkt, ohne den keine Produktion möglich wäre, keine wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung und kein Wohlstand.

Aus dieser Perspektive ist kaum nachvollziehbar, weshalb Sorgearbeit keine zentrale Stellung in ökonomischen Theorien und in der Politik hat.

Im Zentrum der Politik

Ohne Sorgearbeit funktioniert keine Gesellschaft. Jemand muss sich um Kinder, Kranke und alte Menschen kümmern – jemand muss Spitäler putzen, Lebensmittel beschaffen und Kleider waschen. Sorgearbeit ist unverzichtbar.  Es ist deshalb entscheidend, unter welchen Bedingungen sie geleistet wird und wie sie gesellschaftlich organisiert und finanziert wird.

Doch Sorgearbeit braucht Zeit. Jeglicher Spardruck wirkt sich negativ aus: auf die Arbeitsbedingungen, aber auch auf die Qualität der Arbeit. Und nicht zuletzt auch auf ihre Zugänglichkeit. Denn Spardruck führt auch dazu, dass Kosten auf die Haushalte abgewälzt werden. Plötzlich geht es zum Beispiel um die Frage, wer sich eine gute Gesundheitsversorgung noch leisten kann. Das heisst, Sorgearbeit muss der Wachstums- und Profitlogik des Kapitalismus entzogen werden.

Die zentrale ökonomische Frage lautet also nicht: Wie steigern wir Wachstum und Konsum? Sondern: Wie sichern und finanzieren wir Sorgearbeit?

Denn Sorgearbeit trägt unsere Gesellschaft. Sie schafft Wohlstand und soziale Sicherheit. Und Sorgearbeit ist grüne Arbeit. Sie ist die Grundlage für die Transformation in eine nachhaltige Wirtschaftsweise. Es ist Zeit für einen Perspektivenwechsel. Zeit für feministische Ökonomie.

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Literatur