«Wir brauchen mehr Zeit und Geld für die Care-Arbeit»
Interview mit Sarah Schilliger im ARTISET
Sarah Schilliger. Bild: Elia Aiano.
Es sind vor allem Frauen, die in Sorge-Berufen arbeiten und auch den Grossteil der unbezahlten Sorgearbeit zu Hause leisten. Und dafür werden sie ökonomisch benachteiligt. Sarah Schilliger unterstreicht die gesellschaftliche Bedeutung von Sorgearbeit und macht deutlich: Ohne ökonomische Anerkennung lösen wir die Sorge-Krise nicht.
Dass Frauen sorgen mit ihrer unbezahlten Arbeit für das Wohlergehen ihrer Familien und unseren gesellschaftlichen Wohlstand. Und dennoch tragen sie ein grosses Risiko für Altersarmut. Denn «neben der Zeitknappheit und Erschöpfung, mit der Frauen häufig konfrontiert sind, wenn sie Erwerbsarbeit und Care-Arbeit unter einen Hut kriegen müssen», müssen sie grosse Einbussen bei Einkommen und sozialer Absicherung in Kauf nehmen.
Darüber hinaus führt die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen dazu, dass die Zeit für Pflege und Betreuung zu Hause laufend knapper wird. Und hinzu kommt ein überlastetes und unterfinanziertes öffentliches Gesundheitswesen. «Wenn Angehörige weniger Zeit haben und professionelle Pflege unter Druck steht, wird diese Lücke in Haushalten mit genügend finanziellen Mitteln zunehmend über migrantische Arbeitskräfte geschlossen.»
Sorgende Gemeinschaft
Ohne ausreichende Finanzierung lösen wir die vielschichtigen Dilemmas dieser Sorge-Krise nicht. Die alte feministische Forderung von einem Lohn für Hausarbeit hat über die Zeit nichts an Aktualität eingebüsst: «Dazu würde ich heute auch eine deutlich ausgebaute Elternzeit zählen und die Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit in der Altersvorsorge.»
Doch Sarah Schilligers Vision einer sorgenden Gemeinschaft umfasst auch den öffentlichen und institutionalisierten Bereich der Sorgearbeit: «Im Kern geht es darum, kollektive Formen des Füreinander-Sorgens zu fördern. Öffentliche Angebote sollen stärker im Wohnumfeld angesiedelt sein und damit in die Haushalte ‹hineinreichen›.»
Und wer soll das bezahlen?
«Dass mehr öffentliche Mittel für Care-Arbeit ‹nicht realistisch› seien, ist eine politische Entscheidung. Die Schweiz gehört zu den OECD-Ländern mit dem höchsten Anteil an privaten Pflegeund Betreuungsausgaben, während nordische Länder den Grossteil solidarisch finanzieren.» In der Schweiz werden die Kosten abgewälzt – auf Pflegebedürftige, auf ihre meist weiblichen Angehörigen und auf Migrantinnen, die unbezahlt oder unterbezahlt Care-Arbeit leisten. «Die eigentliche Zumutung ist nicht die Forderung nach mehr öffentlicher Finanzierung – sondern die Weigerung, sie politisch ernsthaft zu verhandeln.»
«Wir brauchen mehr Zeit und Geld für die Care-Arbeit». Ein Interview mit Sarah Schilliger von Elisabeth Seifert im ARTISET, dem Magazin der Dienstleister für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Ausgabe 04/05 2026, Seite 17.
Aktuell im Büro für Feminismus
«Die Vorstellung eines Wachstumszwangs ist absurd»
Interview mit Anja Peter und Roman Rossfeld in der BZ
Riesige Abfallberge, fortschreitender Klimawandel, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse: Die Schattenseiten des ungebremsten Konsums zeigen sich deutlich. Trotzdem gibt es insgesamt wenig Widerstand. Warum?
Feministische Ökonomie und Care Revolution
Interview mit Mirjam Aggeler und Anja Peter auf Radia LoRa
Wir sprechen darüber, wie eine sorgezentrierte Gesellschaft aussehen könnte. Weshalb sich Profit und Sorgearbeit nicht vereinbaren lassen. Weshalb die Schweizer Gleichstellungspolitik versagt und warum mehr Erwerbsarbeit uns nicht emanzipiert.
Emanzipation und Arbeit
Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt war keineswegs schon immer Dreh- und Angelpunkt von Gleichstellungs- und Wirtschaftspolitik. Der Beitrag von Anja Peter «Emanzipation und Arbeit. Gleichstellung, Wirtschaftswachstum und feministische Kritik seit 1970» nimmt diese Spur auf…




