«Sorge tragen: Betreuung als Wirtschaftsfaktor»
Tagungsrückblick
Anja Peter. Bild: Romel Janeski.
Sorgearbeit trägt unsere Gesellschaft. Das zeigte die Tagung zum Tag der betreuenden Angehörigen 2025 eindrücklich. Dennoch wird sie politisch, finanziell und strukturell stark unterbewertet. Die Teilnehmer:innen formulierten konkrete Lösungsansätze, inspirierende Modelle und klare Forderungen an die Politik. Hier findest du das Wichtigste in Kürze.
Betreuung ist öffentliche Verantwortung
Ein Grossteil der Betreuungsarbeit wird unbezahlt und unsichtbar von Angehörigen geleistet. Fachpersonen, Politiker:innen und betreuende Angehörige waren sich einig: Angehörigenbetreuung dient der gesamten Gesellschaft. Sie ist keine Privatangelegenheit. Und deshalb muss sie rechtlich, finanziell und institutionell denselben Stellenwert erhalten wie die Pflege.
Forderungen
1. Nationale Koordination: Eine schweizweite Strategie für Betreuung und Entlastung, um kantonale Ungleichheiten zu vermeiden.
2. Gesicherte Finanzierung: Gleichstellung der Betreuung mit der Pflege und eine verlässliche Finanzierung, die Risiken wie Altersarmut verhindert.
3. Zeitliche Entlastung: unbürokratischer Zugang zu Entlastung, schnelle Hilfe in Notsituationen, bessere und umfassende Informationen über bestehende Angebote.
4. Sorgearbeit aufwerten: Gesellschaftliche und politische Anerkennung stärken und Betreuung als öffentliche Aufgabe verstehen.
5. Alltagsnahe Unterstützung: Wirksame Angebote und Modelle wie die Familienhelferin schweizweit etablieren und inklusive Angebote stärken.
Utopie als Anstoss für Veränderung
Wer sich mit Sorgearbeit beschäftigt, weiss: es muss sich dringend etwas ändern. Dafür brauchen wir zunächst eine Vorstellung davon, wie es anders sein könnte. Dabei sind Utopien keine Träumereien, sondern Werkzeuge zur Veränderung. Sie öffnen den Blick für das, was fehlt und machen sichtbar, was möglich wäre – zum Beispiel, wenn Fürsorge als gemeinsame Aufgabe verstanden würde, als Ausdruck gelebter Solidarität.
Um eine sorgende Gesellschaft zu werden, brauchen wir Mut zur Veränderung, Vertrauen ins Kollektiv und eine Politik, die Betreuungsarbeit ins Zentrum der Gesellschaft stellt.
«Was wäre, wenn alles gut würde?» Die Autorin und Aktivistin Marah Rikli erzählt in ihrem Essay von einer Zukunft, in der Fürsorge sichtbar ist, geteilt und geschätzt wird. Eine Utopie. Aber eine, die aus dem Alltag gewachsen ist. Ihrem eigenen. Dem von anderen Müttern. Von Menschen mit Behinderungen. Sorge-Arbeiter:innen. Und aus einer tiefen Hoffnung auf Veränderung. Ein Essay zur Care-Revolution. Von gelebter Solidarität, radikaler Fürsorge und der Kraft des Miteinanders.
Forschung & Politik: Betreuung als Zukunftsaufgabe
Die Beiträge aus Wissenschaft und Politik machten deutlich, welch zentrale Rolle betreuende Angehörige für unsere soziale Infrastruktur spielen. Und warum es dringend umfassendere politische Lösungen braucht.
Die neuesten Zahlen zeigen: Unbezahlte Betreuungsarbeit hat einen volkswirtschaftlichen Wert in Milliardenhöhe. Betreuung ist damit nicht nur ein privates Engagement, sondern eine tragende Säule des Gesundheits- und Sozialwesens.
Doch eine kohärente Strategie fehlt: Die nationale Politik steht in der Verantwortung.
Eine ausführliche Darstellung aller Beiträge findet sich in der vollständigen Tagungsdokumentation.
Fazit
Die Tagung hat gezeigt, dass eine entlastende Sorgepolitik möglich ist. Tragfähige Modelle existieren bereits. Was es jetzt braucht, sind klare politische Prioritäten, verlässliche Strukturen und eine angemessene Finanzierung. Denn Betreuung gehört in die öffentliche Verantwortung. Sie muss endlich angemessen abgesichert werden. Das Büro für Feminismus und der Entlastungsdienst Schweiz setzen sich auch weiterhin dafür ein, die Anliegen von betreuenden Angehörigen wirksam in Politik und Gesellschaft einzubringen.
Dokumente
Tagungsdokumentation – Zusammenfassung mit Überblick über die Beiträge der Referent:innen.
Betreuung als Wirtschaftsfaktor – Interview mit Anja Peter im Bulletin des Entlastungsdiensts, Ausgabe November, Nr. 2 / 2025 Zürich.
«Was wäre, wenn alles gut würde?» – Ein Essay zur Care-Revolution von Marah Rikli.
Aktuell im Büro für Feminismus
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