Sorgende Stadt
Die Sorgende Stadt begreift Sorgearbeit als gesellschaftliche Verantwortung – als Grundlage für ein gutes Leben für alle. In einer Sorgenden Stadt werden Sorge-Infrastrukturen vom Kostendruck entlastet und in öffentliche oder gemeinwohlorientierte Träger:innenschaft überführt. Die Finanzierung kommt von oben, das Wissen und die Umsetzung von der Basis und aus der Praxis heraus. Die Sorgende Stadt ist ein Einstiegsprojekt auf dem Weg in eine andere Gesellschaft. Fangen wir an.
Die Sorge um sich selbst und um andere ist das Fundament einer Gesellschaft. Sie schafft Lebensqualität – etwa wenn wir zum Zmittag frisch zubereitetes Gemüse statt Fertigprodukte essen können. Sie schafft soziale Sicherheit, wenn wir wissen, dass wir bei Krankheit gepflegt oder im Alter nicht allein gelassen werden. Sie sorgt für unser Überleben, wenn wir medizinische Hilfe erhalten, ohne Angst zu haben, die Rechnung nicht bezahlen zu können. Und sie schafft Zusammenhalt, wenn wir im Quartier Orte finden, an denen wir uns begegnen können, ohne etwas konsumieren zu müssen.
Doch genau diese Sorgearbeit wird immer mehr an den Rand unseres Zusammenlebens gedrängt. Und sie gerät immer stärker unter zeitlichen und finanziellen Druck. Das Gesundheitswesen und die Altenpflege werden zunehmend privatisiert und müssen rentieren, die externe Kinderbetreuung genauso. Nicht-kommerzielle Räume verschwinden.
Dem setzen wir etwas entgegen: Wir wollen eine Gesellschaft,
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in der Sorgearbeit – also die Sorge für sich, für andere, für die Umwelt – im Zentrum des politischen Handelns steht;
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in der Wachstumszwang und Profitmaximierung entschieden zurückgedrängt werden;
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in der alle Menschen gut und ausreichend umsorgt sind;
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in der Erwerbsarbeit und Sorgearbeit gut nebeneinander Platz haben;
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und in der es möglich ist, sich ohne Zeitnot, ohne chronische Überlastung und Angst vor Altersarmut um andere zu sorgen.
Doch wie soll das gehen? Das Konzept der Sorgenden Stadt ist der Versuch, gemeinsam konkrete Lösungen zu entwickeln
Wir wollen eine Sorgende Stadt Bern. Eine Utopie? Ja, aber eine realistische. In Spanien, Argentinien und Chile gibt es bereits Erfahrungen mit sorge-zentrierter Kommunalpolitik.
Die Sorgende Stadt – am Beispiel Barcelona
Das Bündnis Barcelona in Comú ging aus der munizipalistischen Bewegung hervor und prägte die Stadtregierung von 2015 bis 2023 explizit feministisch. Sorgearbeit stand dabei ausdrücklich im Zentrum der kommunalen Wirtschaftspolitik.
Bemerkenswert ist insbesondere der Weg dorthin: Am Anfang stand eine umfassende Analyse der aktuellen Situation: Welche Institutionen, welche selbstorganisierten Initiativen gibt es bereits? Wie sind sie organisiert und finanziert? Wie sind sie in Quartiere eingebettet? Welche Bedürfnisse decken sie ab – und wo bestehen Lücken: Welche Angebote und Räume fehlen, wenn wir alle einbeziehen wollen?
Ergänzend wurden Studien durchgeführt, um herauszufinden, was die Menschen sich wünschen und was sie brauchen. Und es wurden Sorge-Räte ins Leben gerufen. Denn klar war: Die bestehenden Institutionen allein eigenen sich nicht dafür, den Umbau in eine Sorgende Stadt zu vollziehen.
Diese Sorge-Räte wurden vorwiegend mit Expertinnen für Sorgearbeit besetzt – das heisst mit Pflegefachpersonen, Hebammen, Kinderbetreuerinnen, mit Müttern und Vätern, Sozialarbeiter:innen, Lehrpersonen, Altenpfleger:innen, Hortbetreuer:innen, Aktivist:innen aus selbstorganisierten Projekten und so weiter. Kurz: mit Menschen, die an der Basis arbeiten, die wissen, was sie brauchen, um ihre Arbeit gut zu machen. Das ist ein völlig anderes Verständnis von Expertise. Und ein völlig anderes Verständnis von Politik.
Die Sorgende Stadt begreift Sorgearbeit als gesellschaftliche Verantwortung – als Grundlage für ein gutes Leben für alle. Sorge-Infrastrukturen werden vom Kostendruck entlastet und in öffentliche oder gemeinwohlorientierte Träger:innenschaft überführt. Die Finanzierung kommt von oben, das Wissen und die Umsetzung von der Basis und aus der Praxis heraus.
Die Sorgende Stadt – eine konkrete Utopie
Die Sorgende Stadt ist ein Einstiegsprojekt auf dem Weg in eine andere Gesellschaft. Sie dient als Kompass für konkrete Politiken und Projekte:
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Es geht um unmittelbare Verbesserungen im Alltag.
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Es geht darum, umsetzbare Projekte anzupacken, die inspirieren – denn das setzt enorm viel Phantasie in Bewegung.
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Und es geht um kleine Erfolge, die die Ohnmacht durchbrechen. Und die gleichzeitig den Weg für weitere Veränderungen öffnen und das politisch Vorstellbare erweitern. Um Projekte, die Mut machen.
Fangen wir an.
Interessiert an unserer Expertise?
Wir erklären Hintergründe, geben Interviews, schreiben Meinungsbeiträge und Fachartikel: schreib uns!
Nächste Schritte
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Wir konkretisieren das Konzept der Sorgenden Stadt für Bern und bauen Netzwerke auf, um ab Herbst 2026 – zunächst im Quartier Bern-Betlehem – ein partizipatives Sorge-Mapping durchzuführen. Dabei sollen möglichst viele und diverse Menschen einbezogen werden, die im Quartier Sorgearbeit leisten oder darauf angewiesen sind.
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Wir diskutieren zusammen mit politischen Akteur:innen über Strategien, um dem Ziel einer Sorgenden Stadt Bern näherzukommen.
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Wir bilden uns weiter, vernetzen uns und stehen im Austausch mit Aktivist:innen in ganz Europa.
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Wir halten uns auf dem Laufenden und berichten über internationale Umsetzungserfahrungen – in Referaten, Gesprächen und Veranstaltungen.
Literatur
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Broschüre Care-Arbeit vergesellschaften: kommunalpolitische Werkzeugkiste für eine Sorgende Stadt. Herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
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Sandra Ezquerra & Christel Keller (2022): Für eine Demokratisierung der Sorgearbeit Erfahrungen mit feministischen Care-Politiken auf kommunaler Ebene in Barcelona. Herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
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Sarah Schilliger (2022): Städtische Care-Infrastrukturen zwischen Küche, Kinderspielplatz und Kita. Publiziert in der Zeitschrift suburban – Zeitschrift für kritische Stadtforschung.
